Das Wesen Gottes in Bibel und Koran
Eine Gegenberstellung
Dies ist eine bersetzung des Manuskripts des christlichen Redners
in einem muslimisch-christlichen Dialog Ende 1998 in den USA.
Das Manuskript des
muslimischen Redners wurde uns nicht zur Verfgung gestellt.
Guten Abend, meine Damen und Herren!
Ich glaube, dass wir heute abend Zeugen einer sehr spannenden Begegnung sind, da es nicht so oft vorkommt, dass Muslime und Christen zusammenkommen, um aufeinander zu hren. Und ich mchte heute abend gern die Betonung darauf legen, dass es darum geht, dass wir wirklich aufeinander hren.
Ich bin nicht mit Boxhandschuhen hierher gekommen. Ich bin auch nicht gekommen, um Punkte zu sammeln oder eine geistige Schlacht zu gewinnen. Ich nehme an, dass die meisten Christen und Muslime unter den Zuhrern schon hohe Verteidigungswlle errichtet haben und bereit sind fr einen guten Kampf auf der Bhne. Doch ich mchte jeden von Ihnen bitten, ganz bewut zu versuchen, Ihren Wall ein gutes Stck abzutragen und sich zu bemhen, aufmerksam auf die Position der anderen Seite zu hren. Nach 1400 Jahren des Debattierens und der polemischen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen trennt noch immer ein tiefer Abgrund von Missverstndnissen die beiden Glaubensgemeinschaften.
Es mag gengen, wenn ich nur ein Beispiel anfhre. Ein groer zeitgenssischer muslimischer Schriftsteller, Shabbir Akhtar, kann noch immer sagen:
Die meisten Muslime, einschlielich der gebildeten, wissen so gut wie nichts ber die Christologie (d.h. die Lehre von Christus). Nur wenige Muslime knnen klar unterscheiden zwischen der Auffassung, dass ein Mensch den Anspruch erhebt, gttlich zu sein - was eine Gotteslsterung wre -, und der vllig anderen Auffassung, derzufolge Gott aus freier Entscheidung Mensch wird - was die orthodoxe christliche berzeugung ist. Und diese beiden Auffassungen werden regelmig mit der ketzerischen Lehre verwechselt, dass Gott einen Sohn adoptiert habe ... Ein Muslim kann vernnftigerweise nicht fr sich in Anspruch nehmen, in einem ernsthaften Dialog mit Christen zu stehen, wenn er nicht eine grndliche Kenntnis des christlichen Glaubens hat ... [1]
Natrlich kann man dieselbe Anklage auch fhren gegen Christen und ihre Unkenntnis des islamischen Glaubens und die vielen stereotypen Negativbilder, die Christen gegenber Muslimen entwickelt haben.
Deshalb noch einmal meine Bitte, dass wir alle heute abend eine besondere Anstrengung unternehmen, um wirklich zuzuhren, und so einem gegenseitigen Verstehen der jeweiligen Position einen Schritt nherkommen.
Nachdem ich das gesagt habe, muss ich darauf hinweisen, dass ich nicht dafr eintrete, dass wir die tiefen und echten Unterschiede zur Seite schieben sollten, die den Islam und das Christentum trennen. In der Tat mchte ich in meinem Vortrag heute abend fnf Spannungspunkte hervorheben, die ich als Christ feststelle, wenn ich die Lehre von Gott, wie sie im christlichen Glauben vorliegt, mit der Auffassung von Gott vergleiche, die vom Koran und der historischen orthodoxen islamischen Theologie vertreten wird.
Ich mchte mit einer Analogie beginnen. Ich bin nicht sehr musikalisch, aber ich kann mir vorstellen, dass wenn man sich in den Musikstil eines groen Komponisten vertieft, man auch sagen kann, welche Musikstcke zum authentischen Werk dieses groen Musikers gehren und welche Stcke nicht von ihm stammen. Man beginnt ein Gefhl dafr zu entwickeln, wie die Musik eines Komponisten klingt. Ich vermute, dasselbe kann von groen Malern oder groen Dichtern auch gesagt werden. Einige von Ihnen kennen vielleicht das Gefhl, das die Dichtung von Hafiz oder Rumi auslst, so gut, dass Sie sofort sagen knnen, ob ein Poesiestck von ihnen verfat wurde oder nicht.
Ganz hnlich ergeht es mir, wenn ich genau auf das Wesen Gottes achte, wie es uns in den biblischen Berichten vorgestellt wird, und es dann mit dem Koran vergleiche: Ich habe dann den starken Eindruck, dass der Koran eine andere Melodie spielt, dass sie nicht den Gott der Bibel genau wiedergibt, obwohl der Koran den Anspruch erhebt, vom selben Gott zu stammen.
Ich bringe Ihnen keinen erschpfenden Vergleich, aber ich mchte Ihnen fnf Bereiche des Widerspruchs zwischen diesen zwei Gottesbildern zur Kenntnis bringen. Diese Bereiche betreffen die Themen DIE NHE GOTTES (zu seinem Volk), DAS LEIDEN GOTTES, DIE LIEBE GOTTES, DIE ERKENNBARKEIT GOTTES (die Frage, ob wir erkennen knnen, wer und wie Gott ist), und DIE HEILIGKEIT GOTTES.
Der Grund, warum ich mich auf diese wesentlichen Merkmale konzentrieren mchte, ist, dass sie die Basis fr so spezifische christliche Konzepte wie die Lehre von der Trinitt, der Menschwerdung und des Shneopfers liefern. Oft diskutieren Muslime und Christen endlos ber diese spezifischen christlichen Lehren und kommen zu keinem besseren gegenseitigen Verstndnis, weil sie nicht erkannt haben, dass ihre Uneinigkeit ber das Wesen Gottes viel grundstzlicher ist, als sie gedacht hatten. Es hat keinen Sinn, ber weitergehende Vorstellungen zu sprechen, wenn wir nicht einmal die Grundlagen begriffen haben, so wie es auch nichts bringt, ber die komplexen Formeln schwieriger Infinitesimal-, Differential- und Integralrechnungen zu streiten, wenn wir die einfachen Grundlagen des Rechnens nicht verstanden haben.
Lassen Sie mich deshalb jetzt darlegen, was mir in diesen Bereichen fehlender bereinstimmung, die ich genannt habe, wichtig erscheint.
1. Die Nhe Gottes
A. Das beherrschende Bild im Koran ist das von Herr und Diener. Auch wenn es einen Koranvers gibt, der besagt, dass Gott den Menschen nher ist als ihre eigene Halsschlagader [2], so ist doch der Gedanke der Nhe Gottes zu seinem Volk im Koran oder in der orthodoxen islamischen Theologie nicht stark ausgeprgt. In der Tat spricht Sure 50,16 von den Engeln, die die Taten des Menschen fr den Tag des Gerichts aufzeichnen. Gott wird stndig als ein unumschrnkter Herr vorgestellt (obwohl er Rahman und Rahim ist). Er ist gndig und ist die Quelle aller Gter der Erde, aber insgesamt erhalten wir das Bild, dass er weit oben und jenseits der Kmpfe und der Tragdien im menschlichen Bereich ist.
Noch einmal gibt uns Shabbir Akhtar einen Einblick, wenn er schreibt:
Besucher der berhmten Moschee von Cordoba in Spanien knnen unmglich die allgegenwrtige Inschrift bersehen: Er ist der Herrscher (Huwal-ghalib). Was fr ein beraus gewichtiger Hinweis fr die muslirnische Seele liegt in dieser Aussage! [3]
Weiter stellt er fest:
Muslime sehen Gott nicht als ihren Vater oder, dementsprechend, sich selbst als Kinder Gottes. Die Menschen sind Diener eines gerechten Herrn. Sie knnen im orthodoxen Islam charakeristischerweise kein greres Ma an Nhe zu ihrem Schpfer erlangen. [4]
Kenneth Cragg weist in seinem Standardwerk Der Ruf des Minaretts auf dieselbe grundlegende Erkenntnis hin. Nach einem kurzen berblick der 99 schnsten Namen Gottes (Asma' al-Husna) im Koran bemerkt er:
Dieser ewige und allumfassende Gott wird beschrieben als der Schpfer, der Gestalter, der Lebensspender, der Versorger, der ffner, der Geber, der Magebende. Gott bringt zum Leben und bringt zum Tod, ist der Berechner und der Aufzeichner, der Knig der Knigschaft und der Herr der Welten. Im Koran wird wiederholt erklrt, dass es keine Strke und keine Macht gibt auer in Gott, der erhaben ber alles ist...
Die relative Hufigkeit, in der die verschiedenen Namen auftreten, ist hochinteressant. Begriffe oder deren zugehrige Verben, die mit Kraft, Macht oder Gre zu tun haben, sind bei weitem in der berzahl. [5]
B. Natrlich zeigt uns auch die Bibel das Bild eines souvernen Gottes, der unendlich und der Schpfer des Universums ist. Jedoch beschreibt der biblische Glaube auch Gottes Beziehung zu seinem Volk in vielen herzbewegenden Aussagen, in denen Gott dargestellt wird als ein Vater, der sein Kind gehen lehrt (5.Mose 1,31, Hosea 11, 1-4 [6]), als ein Hirte, der sein Lamm in den Armen trgt (Jesaja 40, 11 [7]), als ein Liebhaber, der um seine Geliebte wirbt, und sogar als Ehemann, der sich danach sehnt, dass seine untreue Frau zurckkehrt (Jeremia 3,1.12.14 [8]).
Wir werden mit einem Gott konfrontiert, der inmitten seines Volks wohnt und eine innige Verbindung mit ihm wnscht. Das Buch der Offenbarung, das letzte Buch der Bibel, gibt uns einen kleinen Einblick in die Vollendung der Gemeinschaft Gottes mit seinem Volk, wenn der Verfasser bezeugt:
Und ich hrte eine laute Stimme vom Thron, die sagte: Siehe da, die Htte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott, wird mit ihnen sein; und Gott wird abwischen alle Trnen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn die alte Weltordnung ist vergangen (Offenbarung 21,3-4).
2. Das Leiden Gottes
A. Der Gott des Korans zeigt der Menschheit seine Barmherzigkeit, indem er Propheten sendet, um das Volk auf den richtigen Weg zu fhren. Gott sendet Propheten zu unterschiedlichen Volksgruppen, aber er richtet die ungehorsamen Nationen (oft, indem er sie zerstrt), wenn sie nicht auf Gottes Propheten hren (siehe die Sure von den Dichtern, al-Shu'ara', als ein Beispiel dieses markanten Koranthemas). Gottes Umgang mit den Menschen wird in einer sehr nchternen Weise berichtet. Um ein Beispiel anzufhren, mchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die Geschichten von Noah lenken. Die Koranstellen, die eine ausfhrlichere Darstellung Noahs enthalten, sind zu finden in den Suren 7,59-64; 11,25-49; 23,23-30; 26,105-122; 37,75-82; 54,9-15 und Sure 71,1-28, die die Sure von Noah ist. An all diesen Stellen warnt Noah sein Volk, sie glauben seiner Botschaft nicht, und Gott schickt die Flut, um die Unglubigen zu vernichten. Punkt. Wir erfahren nichts darber, wie all dies, ob es um die Snde der Vlker geht oder das Gericht Gottes, auf Gott selbst wirkt.
B. Die Bibel andererseits zeigt uns einen Gott, der um sein ungehorsames Volk leidet. Er ist betrbt, er ist erzrnt. Die Propheten Israels offenbaren ihn als verletzten Liebhaber, als einen Ehemann, der den Schmerz des Ehebruchs, den seine untreue Frau begeht, fhlt, als einen Vater, dessen Herz bricht wegen seiner widerspenstigen Kinder. Ich werde auf diese Bilder zurckkommen, aber lassen Sie uns in Fortsetzung des Beispiels von Noah zunchst 1. Mose 6,5-7 ansehen:
Als aber der HERR sah, dass der Menschen Bosheit gro war auf Erden und dass jede Neigung der Gedanken ihres Herzens immer nur bse war, wurde er betrbt darber, dass er die Menschen auf der Erde gemacht hatte, und sein Herz war voll Schmerz. Deshalb sagte der HERR: Ich will die Menschheit, die ich geschaffen habe, vom Angesicht der Erde vertilgen - Menschen und Tiere und die Lebewesen, die sich auf dem Boden fortbewegen, und die Vgel in der Luft -denn ich bin betrbt darber, dass ich sie geschaffen habe.
Bitte beachten Sie den Nachdruck, den der Text auf das Leiden Gottes legt: Im Verlauf von zwei Versen wird uns dreimal gesagt, dass Gott von Schmerz und Kummer ber das Tun der Menschen erfllt war bzw. - wie es in der bekannten bersetzung von Luther wiedergegeben wird - dass es Gott reute, die Menschen geschaffen zu haben. Die Bedeutung dieser Wiederholung wird von dem herausragenden deutschen Alttestamentler Claus Westermann aufgezeigt, der schreibt: Jahwes Reue ist so bedeutend fr den [Verfasser], dass er sie vor die Entscheidung zur Zerstrung stellt und sie danach noch einmal wiederholt. Er sah sie als entscheidend fr das Verstndnis des Ereignisses an, das diese Verse einleiten. [9] Walter Brueggemann, ein fhrender amerikanischer Alttestamentler, drckt es so aus: Der Bericht handelt nicht vom Zorn Gottes, sondern vom Schmerz Gottes. [10]
Lassen Sie mich wegen der Krze der Zeit Ihre Aufmerksamkeit auf nur noch eine weitere Stelle im Alten Testament lenken. Der Prophet Hosea beschreibt die Innigkeit der Beziehung Gottes zu Israel als die Vertrautheit zwischen einem Ehemann und seiner Frau und eines Vaters und seinem Kind. Aber Gott klagt Israel an und nennt es eine treulose Ehefrau, weil es Gtzen nachluft, und ein widerspenstiges Kind. In seinen Ausfhrungen ber die Bildersprache Hoseas schreibt einer der tiefgrndigsten jdischen Denker des 20. Jahrhunderts, Abraham Heschel: Hosea hat uns ein erhabenes Zeugnis der Schau eines subjektiven Gottes gegeben, das ganz typisch fr sein prophetisches Selbstverstndnis ist. Er fhrt fort:
Gott wird nicht als gefhlloser Herrscher gesehen, sondern als der sensible Ehegatte, der erlebt, dass er betrogen wird, und der sich dennoch weiter fr die eheliche Treue einsetzt, der seine Sehnsucht nach einem Neuanfang ausspricht, ein leidenschaftliches Verlangen nach Vershnung... Hosea gelingt es wie keinem anderen Propheten, die Liebe Gottes in ihren verschiedensten Formen auszudrcken: als Erbarmen, als zarte mtterliche Zuwendung, als Liebe zwischen Ehemann und Ehefrau. [11]
Und ein christlicher Autor, Terrence Fretheim, beschreibt Hoseas Sprache so:
Das Bild hier ist offensichtlich nicht das irgendeines himmlischen Generals Patton, der sich schwer damit tut, das Vorkommen von Gehorsamsverweigerung zu ertragen. Es ist vielmehr das Bild eines schwergeprften Elternteils und, wenn wir die elterliche Aufgabenverteilung in der Kindererziehung in Israel im Blick haben, ist es wahrscheinlich eher das Bild der Mutter als des Vaters. Gott wird gezeigt als eine Mutter, die erschttert ist und Qualen leidet ber dem, was ihre Kinder angerichtet haben; aber ihre Liebe ist so gro, dass sie nicht aufgeben kann. [12]
Fretheim fasst die Wirkung dieser verschiedenen Bilder sehr schn in diesen Worten zusammen:
Gott wird abgewiesen sowohl als Vater wie auch als Ehemann! Gott ist wie jemand, der nicht nur von seiner Ehefrau, sondern auch von seinen Kindern abgelehnt wird. Gott leidet an der zerbrochenen Beziehung auf verschiedenen Ebenen der Vertrautheit. Die Wunden Gottes sind vielfltig. [13]
Es sollte beachtet werden, dass der Grund fr dieses gttliche Leiden nicht darin liegt, dass Gott schwach wre, sondern darin, dass er Liebe ist und man nicht wirklich lieben kann, ohne sich dem Risiko einer Zurckweisung und der Schmerzen, die das hervorruft, auszusetzen.
3. Die Liebe Gottes
A. Viel Tinte ist zu diesem Thema geflossen, indem der Islam dargestellt wurde als der Glaube an einen lieblosen Gott. Das ist nicht wahr, aber trotzdem ist das Bild Gottes im Koran ganz verschieden von dem der Bibel: Gott liebt die Guten, nicht die Unwrdigen und den Snder.
Dass Gott den Snder nicht liebt, wird im Koran durch eine Flle von Aussagen deutlich gemacht. Beachten Sie diese Schlsselverse aus dem Koran:
Allah liebt die nicht, die bertretungen begehen (2,190);
Allah liebt keinen, der unglubig und ein Snder ist (2,276);
Sag: 'Gehorchet Allah und seinem Gesandten!' Wenn ihr euch abwendet: Gott liebt die Unglubigen nicht (3,32);
Allah liebt die Frevler nicht (3,57+140);
Wer eingebildet und prahlerisch ist, den liebt Allah nicht (4.36);
Sag: 'Wenn ihr Allah liebt, dann folgt mir, damit Allah euch liebt und euch eure Schuld vergibt ' (3,31).
Der Koran ist berst mit Dutzenden von Versen wie diesen. Es ist eine Tatsache, dass nirgends im Koran von Gott gesagt wird, dass er jemanden liebt, der ihn nicht zuerst liebt, auch ist nie von Gottes Liebe als der Haupttriebfeder die Rede, die ihn bewegt, jemanden zu sich zu ziehen.
B. Im Unterschied dazu bezeugen sowohl das Alte wie auch das Neue Testament, dass Gott jeden liebt, unabhngig von seiner Snde. In der Bibel sehen wir Gott nicht nur als den Ursprung der Liebe, sondern zugleich auch als jemand, der die liebt, die seine Feinde sind.
Der Herr hat euch seine Liebe nicht zugewandt und euch erwhlt, weil ihr grer wret als alle Vlker - denn du bist das kleinste unter allen Vlkern... (5. Mose 7,7).
Im Neuen Testament sehen wir, dass die Liebe Gottes zu dem sndigen Menschen als der Hauptgrund dafr angegeben wird, dass er Jesus Christus sandte.
So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab (Johannes 3,16). Ebenso: Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Vershnung fr unsere Snden (1. Johannes 4,10). Und: Lasst uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt (1. Johannes 4,19).
C. Der Begriff der Gnade ist radikal verschieden in den beiden Religionen!
4. Die Erkennbarkeit Gottes
A. Dieser Punkt wird stark philosophisch geprgt sein, aber ich wre dankbar fr Ihre Geduld hierbei, weil sich daraus tiefe praktische Auswirkungen ergeben. Trotz aller Namen Gottes im Koran begegnen wir im Islam einem Gott, der im Grunde unerkennbar ist. Diese Namen sagen uns nichts darber, wer Gott ist, sondern nur, wie Gott handeln wollte und will. Gottes Handlungen spiegeln nicht Gottes Wesen wider.
Al-Ghazali, der bekannteste Theologe in der Geschichte des Islam, ging so weit zu sagen:
Das Endergebnis des Wissens der 'arifin' ist ihre Unfhigkeit, Ihn zu erkennen, und ihre Erkenntnis ist in Wahrheit, dass sie Ihn nicht kennen und dass es absolut unmglich fr sie ist, Ihn zu erkennen. [14]
Fadlou Shehadi, ein zeitgenssischer Kenner Al-Ghazalis, hat die Argumente Al-Ghazalis zur Transzendenz Gottes analysiert und kommt zu dem Schluss:
Aus all dem Vorhergehenden muss eine wichtige Folgerung gezogen werden:
Gott ist gnzlich unerkennbar.
Wenn Gott ein einzigartiges Wesen ist, in jeder Hinsicht unterschieden von jedem anderen Wesen, genauer gesagt: unterschieden von allem, was dem Menschen bekannt ist, msste nach Ghazalis eigenen Grundstzen daraus folgen, dass Gott ganz und gar unerkennbar ist. Denn nach Ghazali werden die Dinge erkannt an ihren hnlichkeiten, und was dem, was der Mensch kennt, total unhnlich ist, kann nicht erkannt werden. Auerdem msste Gott unerkennbar sein, vllig unerkennbar, nicht nur fr den Mann auf der Strae, sondern auch fr die Propheten und Mystiker. Das ist eine Schlussfolgerung, die Ghazali sehr deutlich und nicht nur vereinzelt zieht. Es ist auch eine Auffassung, die oft vorgetrageh wird, unabhngig von ihrem logischen Zusammenhang mit Gottes absoluter Einzigartigkeit.[15]
Ein anderer zeitgenssischer Islamgelehrter, Isma'il al-Faruqi, drckt die Hauptrichtung im islamischen Denken zur Unfhigkeit der Menschen, Gott zu erkennen, in dieser Stellungnahme aus:
"Er [Gott] offenbart sich niemandem in irgendeiner Weise. Gott offenbart nur seinen Willen. Erinnern Sie sich daran, dass einer der Propheten Gott bat, sich zu offenbaren, und dass Gott ihm sagte: Nein, es ist mir nicht mglich, mich irgend jemand zu offenbaren. ... Das ist Gottes Wille, und das ist alles, was wir haben, und wir haben es in Vollkommenheit im Koran. Aber der Islam setzt den Koran nicht mit dem Wesen Gottes gleich. Er ist das Wort Gottes, das Gebot Gottes, der Wille Gottes. Aber Gott offenbart sich keinem. Die Christen reden von der Offenbarung Gottes - von Gott ber Gott -, aber das ist der groe Unterschied zwischen dem Christentum und dem Islam. Gott ist transzendent, und sobald man von Selbstoffenbarung spricht, hat man Hierophantie und Immanenz, und damit wird die Transzendenz Gottes beeintrchtigt. Man kann nicht vllige Transzendenz und Selbstoffenbarung zugleich haben." [16]
Noch einmal Shabbir Akhtar:
Der Koran macht im Unterschied zum Evangelium keine Aussagen ber das Wesen Allahs. Allah ist weise oder Allah ist liebevoll mgen in gewisser Weise eine offenbarte Information sein, aber im Gegensatz zum Christentum werden Muslime nicht dazu verleitet, die Behauptungen Allah ist Liebe oder Allah ist Weisheit aufzustellen. ber die Gottheit werden nur adjektivische Beschreibungen gemacht und diese erfolgen nur, soweit sie sich auf die Offenbarung des Willens Gottes fr die Menschen beziehen. Der Rest bleibt ein Geheimnis. [17]
Kenneth Cragg:
"[all die Attribute] sollten letztlich als Kennzeichen des gttlichen Willens und nicht als Gesetze des Wesens Gottes verstanden werden. Dass sich eine Handlung aus solchen Beschreibungen ergibt, kann erwartet werden, aber nicht als eine Notwendigkeit. Alles Vorgehen Gottes erhlt seine Einheitlichkeit dadurch, dass Gott es jeweils will. Er als der Wollende kann von Zeit zu Zeit durch die gegebenen Beschreibungen erkannt werden. Aber Gott stimmt im Grunde mit keiner berein. Die Tat des gttlichen Willens kann in dieser oder jener Eigenschaft identifiziert werden; der Wille selbst ist unergrndlich. Man kann deshalb nicht sagen, dass Gott notwendigerweise in jeder Beziehung liebevoll, heilig, gerecht, nachsichtig oder barmherzig ist.
Diese Tatsache erklrt auch die Antithese in manchen der Namen. Diese Antithese knnte theologisch nicht ausgesagt werden, wenn eines der beiden Elemente darin untrennbar zu Gottes Wesen gehrte. Weil das nicht so ist, kann Gottes Handeln jedes Element in unterschiedlichen Bezgen zeigen. Die Antithese lst sich dogmatisch auf im Bereich des Willens, indem Gott beide will - in jedem anderen Sinn und und Bereich bleibt die Antithese bestehen. So ist Gott der, der in die Irre fhrt wie auch der, der recht fhrt. Gott ist der, der Schaden anrichtet, wie es auch Satan tut. Gott wird auch beschrieben mit Ausdrcken wie der zu Fall bringt, der Erzwinger oder Tyrann, der Hochmtige - alles Ausdrcke, die, wenn man sie auf Menschen bezieht, eine sehr negative Bedeutung haben. In der Einheit des einzelnen Willensaktes koexistieren diese Charakterisierungen jedoch mit denen, die sich auf Gnade, Barmherzigkeit und Herrlichkeit beziehen. [18]
B. Der Schwerpunkt der Bibel liegt darauf, dass Gott sich offenbart hat und dass es unsere hchste Berufung ist, Gott zu erkennen und in inniger Beziehung mit ihm zu stehen. Das belegen z. B. die folgenden Bibelstellen:
So spricht der HERR:
Ein Weiser rhme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rhme sich nicht seiner Strke,
ein Reicher rhme sich nicht seines Reichtums.
Sondern wer sich rhmen will, der rhme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit bt auf Erden, denn solches gefllt mir, spricht der Herr. (Jeremia 9,22-23)Alles ist mir bergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will (Matthus 11,27).
Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Scho ist, der hat ihn uns verkndigt (Johannes 1,18).
Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen (Johannes 17,3).
Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstnde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi (2. Korinther 4,6).
Gott ist so, wie Gott gehandelt hat! Im christlichen Glauben stellen die Taten Gottes in der Heilsgeschichte die Grundlage fr die christliche Lehre von der Dreieinigkeit dar. Gott hat sich in der Heilsgeschichte offenbart, indem er sich uns zeigte als unser Schpfer, unser Erlser und als der, der uns heiligt. Wir sehen einen Gott, der nicht nur ber uns ist als unser himmlischer Vater, sondern bei uns in Christus (Immanuel) und in uns durch den Heiligen Geist.
5. Die Heiligkeit Gottes
A. Obwohl Muslime oft den Eindruck vermitteln, dass der Islam ein erhabeneres Bild von Gottes Vergebung abgibt, weil Gott einfach vergibt, wenn die Menschen ihre Snden bereuen, und keine blutigen Opfer braucht, die die Snden der Menschen shnen sollen, geht der Koran nicht einig mit dem Nachdruck, den die Bibel auf die Heiligkeit Gottes und seine Forderung von Opfern legt.
B. Als Christ finde ich es unglaublich, dass das Adjektiv heilig (quddus) nur zweimal in bezug auf Gott im Koran gebraucht wird. Ich empfehle die Lektre des dritten Mosebuches als dem Herzstck der Thora. Dies ist die Grundlage fr das christliche Verstndnis der Shne. Guthrie erklrt die Notwendigkeit der Shne so:
Teure Liebe
Wenn Gott uns doch liebt und uns vergibt, warum berhaupt Shne? Warum mute Jesus sterben, um uns mit Gott zu vershnen? Warum hat Gott nicht einfach gesagt: Ich vergebe euch und lie es dabei bewenden?
Wir knnen eine Ahnung der Antwort darauf bekommen durch eine Analogie in menschlichen Beziehungen. Nehmen Sie an, dass ich etwas getan habe, womit ich eine Freundschaft aufs Spiel setzte und eine Freundin verletzte. Und nehmen Sie an, dass ich zu ihr gehe, um ihr zu sagen, wie leid es mir tut und wie sehr ich wnschte, mein verkehrtes Verhalten rckgngig machen zu knnen, und sie sagt zu mir: Das ist doch alles in Ordnung. Es macht gar nichts aus. Vergiss es!. Hat sie mir vergeben? Was sie in Wirklichkeit gesagt hat, ist doch: Du bedeutest mir nicht so viel, da ich mich ber irgend etwas, was du sagst oder tust, rgern wrde. So wichtig bist du nicht fr mich. Sie lsst mich auch allein mit meinen Gewissensqualen und weigert sich, mir zu helfen, damit fertigzuwerden, sie unter die Fe zu bekommen und einen Neuanfang mit ihr zu machen.
Gutmtige Nachsicht und oberflchliche Annahme sind nicht Vergebung und Liebe, sondern ein Ausdruck von Gleichgltigkeit und manchmal von Feindschaft. Wirkliche Liebe und Vergebung bedeuten, dass mir der andere so sehr am Herzen liegt, dass ich verletzbar bin, dass ich mich in seine Lage versetze und seine Schuld teile, als wre sie die meine. Wahre Liebe und Vergebung sind teuer - nicht in dem Sinn, dass der Schuldiggewordene sie aus dem, dem er Unrecht getan hat, herausquetschen msste, sondern in dem Sinn, dass der, der enttuscht und verletzt wurde, sich dem Schuldigen liebevoll zuwendet und seinen oder ihren Schmerz teilt.
Warum musste Jesus sterben? Weil wir Gott zuviel bedeuten, als dass er unsere Snde und Schuld mit einem leichtfertigen Macht nichts! abtte. Weil Worte nicht ausreichten, war es notwendig, dass Gott handelte, um zu beweisen, dass seine Liebe und Vergebung echt sind. Weil Gott uns zur Seite stehen wollte in der Einsamkeit und Entfremdung, die wir ber uns bringen, wenn wir uns von Gott und anderen Menschen trennen. Weil unsere Einsamkeit, Entfremdung und Schuld gerade dann berwunden werden, wenn Gott sich an unsere Seite stellt. Im Kreuz sagt Gott zu uns: Ja, es ist wahr. Du hast mich verletzt und gekrnkt. Aber ich liebe dich dennoch. Deshalb will ich deine Schuld samt ihren Konsequenzen zu meiner eigenen machen. Ich will mit dir, ja fr dich leiden, damit unsere Beziehung wieder in Ordnung kommt. [19]
Literaturhinweise und Belegstellen:
[1] Shabbir Akhtar, A Faith For All Seasons, Chicago, Ivan R. Dee Publisher, 1990, S. 182
[2] Wir haben doch den Menschen geschaffen. Und wir wissen, was er sich selber an bsen Gedanken einflstert, und sind ihm nher als (seine) Halsschlagader (Koran 50,16). Zum Thema Nhe weise ich noch auf folgende Koranstellen hin:
Und wenn dich meine Diener nach mir fragen, so bin ich (ihnen) nahe und erhre, wenn einer zu mir betet, sein Gebet. Sie sollen nun (auch ihrerseits) auf mich hren und an mich glauben. Vielleicht werden sie den rechten Weg einschlagen (2,186).
Sag: Wenn ich irregehe, tue ich das nur zu meinem eigenen Nachteil, und wenn ich mich rechtleiten lasse, auf Grund dessen, was mir mein Herr eingibt. Er hrt (alles) und ist (den Menschen) nahe (34,50).
wobei wir ihm (d. h. dem Sterbenden) nher sind als ihr, aber ihr knnt (es ja) nicht sehen (56,85).
Er ist es, der Himmel und Erde in sechs Tagen geschaffen und sich daraufhin auf dem Thron zurechtgesetzt hat. Er wei, was in die Erde eindringt und aus ihr herauskommt, und was vom Himmel herabkommt und dorthin aufsteigt. Er ist mit euch, wo ihr auch seid. Gott durchschaut wohl, was ihr tut (Sure 57,4).
[3] Akhtar, a. a. O., S. 129
[4] Ebenda, S. 180
[5] Kenneth Cragg, The Call of the Minaret, 2nd edition, New York, Orbis Books, 1992, S. 35
[6] Da hast du gesehen, dass dich der HERR, dein Gott, getragen hat, wie ein Mann seinen Sohn trgt, auf dem ganzen Wege, den ihr gewandert seid, bis ihr an diesen Ort kamt (5. Mose 1,31).
Als Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus gypten; aber wenn man sie jetzt ruft, so wenden sie sich davon und opfern den Baalen und ruchern den Bildern. Ich lehrte Ephraim gehen und nahm ihn auf meine Arme; aber sie merktens nicht, wie ich ihnen half.Ich lie sie ein menschliches Joch ziehen und in Seilen der Liebe gehen und half ihnen das Joch auf ihrem Nacken tragen und gab ihnen Nahrung (Hosea 11,1-4).
[7] Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lmmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe fhren (Jesaja 40,11).
[8] Wenn sich ein Mann von seiner Frau scheidet und sie geht von ihm und gehrt einem andern, darf er sie auch wieder annehmen? Ists nicht so, dass das Land unrein wrde? Du aber hast mit vielen gehurt und solltest wieder zu mir kommen? spricht der HERR.
Geh hin und rufe diese Worte nach Norden und sprich: Kehre zurck, du abtrnniges Israel, spricht der HERR, so will ich nicht zornig auf euch blicken. Denn ich bin gndig, spricht der HERR, und will nicht ewiglich zrnen. Kehrt um, ihr abtrnnigen Kinder, spricht der HERR, denn ich bin euer Herr. Und ich will euch holen, einen aus einer Stadt und zwei aus einem Geschlecht, und will euch bringen nach Zion (Jeremia 3,1+12+14).
[9] Claus Westermann, Genesis 1-11, A Commentary, Minneapolis, Augsburg Publishing House, 1984, S. 407
[10] Walter Brueggemann, A Shape for Old Testament Theology, in: The Flowering of Old Testament Theology, hrsg. von Ollenburger, Martens, Hasel, Winoma Lake, Eisenbrauns, 1992, S. 418
[11] Abraham Heschel, The Prophets, New York, The Jewish Publication Society of America, 1962, S. 48 f.
[12] Terrence Fretheim, The Suffering of God, Philadelphia, Fortress Press, 1984, S. 120
[13] Ebenda, S. 116
[14] Fadlou Shehadi, Ghazalis Unique Unknowable God, Leiden, E. J. Brill, 1964, S. 37. Die arifin - wrtlich: die Wissenden - wird von Mystikern im Sinne von Gnostiker gebraucht.
[15] Ebenda, S. 21 f. Auf S. 48 stellt er auch fest: So folgt Ghazalis uneingeschrnkter Agnostizismus ganz logisch aus seiner unnachgiebigen Haltung im Blick auf die totale Andersartigkeit Gottes.
[16] al-Faruqi, Christian Mission and Islamic Dawah: Proceedings of the Chambsy Dialogue Consultation [abgehalten 1976 in Chambsy, Schweiz], (Leicester: The Islamic Foundation, 1982), S. 47 f.
{Kommentar des bersetzers: Al-Faruqis Ausdruck "hierophancy and immanence" wurde mit Hierophantie und Immanenz bersetzt. Der Begriff hierophancy drfte im englischen Sprachgebrauch auch nicht blicher sein, als der der Hierophantie im deutschen. Wahrig's Deutsches Wrterbuch gibt diese Definition: Hierophant Oberpriester, der bes. bei den eleusinischen Mysterien die heiligen Bruche zu erklren hatte [zu griech. hieros heilig + phainein zeigen].}
[17] Akhtar, a. a. O., S. 180 f.
[18] Cragg, a. a. O., S. 36 f.
[19] Guthrie, Christian Doctrine, Revised Edition, Westminster/John Knox Press, 1994, S. 260